Martin Goppel, KEG-Landesvorsitzender
Bayern - pm (13.10.2026) Grundschule und Mittelschule dürfen nicht getrennt gedacht werden: Gute Bildung beginnt mit starken Grundlagen und setzt sich in einer Schule fort, die junge Menschen auf Selbstständigkeit, Ausbildung und Beruf vorbereitet. Mehr Stunden für die Grundschule sind richtig. Aber mehr Unterrichtszeit allein macht noch keinen besseren Unterricht. Entscheidend ist, was Kinder in diesen zusätzlichen Stunden tatsächlich lernen und wie selbstständig sie dabei werden. Die KEG Bayern fordert deshalb einen Perspektivwechsel bei der Schulentwicklung und beim Umgang mit der Mittelschule.
Die angekündigte Ausweitung der Unterrichtszeit an der Grundschule um sechs Wochenstunden begrüßt die KEG Bayern ausdrücklich. Mehr Zeit für Deutsch und Mathematik ist dringend nötig – aber Bildung besteht aus mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch Musik, Sport und kreative Fächer brauchen ihren festen Platz. Mehr Unterrichtszeit stärkt dabei nicht nur die Grundschule, sondern entlastet und stärkt das gesamte Schulsystem. Und wo zusätzliche Stunden auf zu große Klassen treffen, muss auch über kleinere Klassen gesprochen werden. Angesichts der Bewerberlage ist das eine konkrete und wirksame Möglichkeit, Unterrichtsqualität zu verbessern und zugleich die Belastung der Lehrkräfte zumindest an Grundschulen zu senken.
„Sechs zusätzliche Stunden sind gut – sechs zusätzliche Stunden im alten Unterricht sind aber noch keine Bildungsrevolution“, sagt Martin Goppel, Landesvorsitzender der KEG Bayern. „Wir sollten endlich aufhören, Unterrichtsqualität in Stunden zu messen. Entscheidend ist, was Kinder in diesen Stunden tatsächlich lernen und wie selbstständig sie dabei werden.“
Die Erfahrungen aus der Schulpraxis zeigen: Mehr Zeit allein garantiert noch lange keinen besseren Unterricht. Entscheidend ist, wie diese zusätzliche Zeit genutzt wird.
Die Mittelschule neu denken
Besonders deutlich wird das aus Sicht der KEG bei der Mittelschule. Sie werde öffentlich noch immer viel zu häufig als Problem- oder Pflichtschule wahrgenommen. Das müsse sich dringend ändern.
„Die Mittelschule ist keine Abstellkammer unseres Bildungssystems. Sie ist eine Zukunftsschule“, so Goppel. „Hier wachsen die Handwerkerinnen und Handwerker, Fachkräfte und Macher von morgen heran. Wer diese Schule nur über ihre Probleme definiert, verhindert, dass wir ihr enormes Potenzial sehen.“
Gerade für die Gewinnung von Lehrkräften müsse deshalb ein anderer Ansatz gewählt werden. Studieninteressierte sollten Mittelschulen erleben können – durch Praktika, Hospitationen und direkten Austausch mit Lehrkräften. Denn wer die moderne Mittelschule kennenlerne, sehe schnell, wie vielfältig und wirkungsvoll die Arbeit dort sein könne.
Auch Quereinsteiger könnten eine Bereicherung sein, wenn sie fachliche Expertise mitbringen und pädagogisch fundiert auf den Schuldienst vorbereitet werden. Für die KEG Bayern gilt dabei: Qualität vor Quantität. Es brauche eine sorgfältige Auswahl und eine gute Qualifizierung statt einer reinen Mangelverwaltung.
Mehr Mut zu neuem Unterricht
Die KEG Bayern fordert einen radikalen Perspektivwechsel: Schluss mit dem Lernen im 45-Minuten-Takt. Statt immer neue Stellschrauben am bestehenden System zu drehen, braucht Schule mehr Mut zu selbstorganisiertem und individualisiertem Lernen.
Die KEG Bayern fordert deshalb:
zusätzliche Unterrichtszeit gezielt für individuelle Förderung und die Stärkung von Basiskompetenzen zu nutzen,
bei zu großen Klassen gezielt kleinere Lerngruppen zu ermöglichen,
Mittelschulen stärker in die Ausbildung und Berufsorientierung angehender Lehrkräfte einzubeziehen und ihnen durch Praktika und Hospitationen frühzeitig Einblicke in den Schulalltag zu ermöglichen,
selbstorganisierte und individualisierte Lernformen stärker zu nutzen und den 45-Minuten-Takt dort aufzubrechen, wo andere Lernformen pädagogisch sinnvoll sind,
und auch beim Seiteneinstieg konsequent auf fachliche Eignung und eine fundierte pädagogische Qualifizierung zu setzen.
Gerade in Deutsch und Mathematik können Schülerinnen und Schüler deutlich mehr Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen, als ihnen das klassische Unterrichtsmodell bislang zutraut. Lehrkräfte gewinnen dadurch Zeit, sich gezielt um diejenigen zu kümmern, die tatsächlich Unterstützung brauchen.
„Wir brauchen nicht noch mehr Stellschrauben am alten System. Wir müssen endlich die grundlegendere Frage stellen: Passt das Prinzip des 45 Minuten langen Intensiv-Lernens überhaupt noch zu unseren Kindern?“, sagt Goppel.
Das gelte auch für die Frage, wie Lehrkräfte gewonnen und gehalten werden können. Wertschätzung, verlässliche Arbeitsbedingungen und mehr pädagogische Freiheit seien dabei mindestens ebenso wichtig wie zusätzliche Stunden oder neue Programme.
Die KEG Bayern sieht deshalb in der aktuellen Debatte eine Chance: mehr Zeit dort, wo sie gebraucht wird – aber verbunden mit einem klaren Anspruch an die Qualität des Unterrichts.
„Unser Ziel darf nicht sein, möglichst viele Stunden zu produzieren“, so Goppel. „Unser Ziel muss sein, dass Kinder nach der Schule mehr können, mehr wissen und mehr Zutrauen in sich selbst haben. Dafür brauchen wir Qualität vor Quantität.“

